Wie schnell wird die Türkiye von der Energieabhängigkeit befreit sein?
Wien / Dasfazit
Das Jahr 2020 markiert eine wichtige Entwicklung im türkischen Energiesektor. In der Nähe der türkischen Schwarzmeerküste wurde ein Feld mit Reserven von bis zu 540 Milliarden Kubikmetern Gas entdeckt. Die Entdeckung einer zusätzlichen Energiequelle war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit der Türkiye, die 90 Prozent ihres Gases aus Russland, Aserbaidschan, Iran und Nigeria importiert.
Etwa ein Drittel des Energieverbrauchs des Landes wird durch Gas gedeckt, der Rest durch Öl, das ebenfalls größtenteils importiert wird, und durch Kohlestrom.
Obwohl das neue Sakarya-Feld die Energieabhängigkeit der Türkiye verringern soll, plant Ankara auch nicht, die Gasimporte einzustellen, wie insbesondere der türkische Minister für Energie und natürliche Ressourcen Fatih Dönmez erklärte.
Das ist durchaus verständlich: Das erste Gas aus dem Feld soll im ersten Quartal 2023 auf dem türkischen Binnenmarkt ankommen; in der Anfangsphase wird sich die geplante Produktion auf 3,4-4 Milliarden Kubikmeter pro Jahr belaufen, gleichzeitig hat die Türkiye allein im Jahr 2021 mehr als 59 Milliarden Kubikmeter verbraucht.
Ab 2027 soll die Produktion aus dem Sakarya-Feld auf 15 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr steigen, was etwa 25 Prozent des gesamten Gasverbrauchs ausmachen würde. Obwohl der Prozentsatz heute noch relevant ist, könnte er sich in fünf Jahren ändern. Der Gasverbrauch in der Türkiye nimmt jedes Jahr zu. Zum Vergleich: Nach Angaben der internationalen Statistikbehörde Enerdata verbrauchte die Türkei im Jahr 2019 45 Milliarden Kubikmeter Gas, im Jahr 2020 48 Milliarden Kubikmeter und im Jahr 2022 wird der Gasverbrauch des Landes nach Angaben des türkischen Energieministeriums 60 Milliarden Kubikmeter pro Jahr übersteigen.
Einerseits könnte die Gasnachfrage nach 2026 allmählich zurückgehen, da das erste türkische Kernkraftwerk, Akkuyu, bis dahin eine maximale Kapazität von 35 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr erreichen soll, was etwa 10 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Landes decken würde.
Andererseits wird die Kohleproduktion der Türkiye, aus der mehr als ein Drittel der Elektrizität des Landes gewonnen wird, zurückgehen. Aufgrund der hohen Treibhausgasemissionen von Kohlekraftwerken hat die Türkei im Jahr 2021 eine Reihe von Kraftwerken vorübergehend geschlossen.
So ist die Kohleförderung in der Türkiye insgesamt zwischen 2018 und 2021 um 8 Prozent zurückgegangen. Im Falle eines anhaltenden Abwärtstrends in der Kohleindustrie dürfte ein Teil des Stroms aus Akkuyu zur Substitution von Kohle verwendet werden.
In diesem Stadium wäre die Türkiye also noch nicht in der Lage, völlig energieunabhängig zu sein. Mit dem Anstieg der Gasproduktion steigt auch die Nachfrage. Sakarya würde die Energieabhängigkeit der Türkei jedoch mit Sicherheit auf ein gewisses Maß reduzieren. Das Gas aus dem Feld würde dazu beitragen, die Importkosten zu senken und die Preise für die Verbraucher zu verringern.
In der Zwischenzeit will Ankara weiterhin vielversprechende Gebiete im Schwarzen Meer und im Mittelmeerraum erkunden.
EastWestStream-Rezensent
Aljona Pawlenko
Twitter: @Pv_Alyona